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29

Apr

2008

Die Twitter-Ökonomie: nach einem Crash DAS Synonym für Web 2.0?

twitter.gifTwitter ist ein einzigartiges Phänomen. Jeden Morgen begrüßt mich mein RSS-Reader mit Dutzenden Beiträgen deutscher und internationaler Blogs, die sich mit dem populären Microbloggingdienst oder einer der vielen Drittanwendungen für selbigen beschäftigen. Bei namhaften US-Blogs wie TechCrunch und ReadWriteWeb vergeht kaum noch ein Tag, an dem nicht ein Lobeslied auf das Startup aus San Francisco und seinen Service gesungen wird. Während der Durchbruch von Twitter in den Internet-Mainstream auf sich warten lässt, scheint es, als gäbe es für eine zunehmende Zahl an Web-2.0-Enthusiasten, Bloggern und Intensivnutzern kaum noch etwas anderes als Twitter. Ein Vergleich der Nennungen von “Facebook”, “MySpace” und “Twitter” in Blogs bestätigt diesen Eindruck: Twitter wird mittlerweile in ebenso vielen Beiträgen erwähnt wie die beiden bekannten Social Networks, deren Nutzerzahlen schätzungsweise mehr als das Fünfzigfache des Microbloggingservices betragen. Ich hatte es kürzlich bereits angemerkt: Twitter verdient viel Respekt und Anerkennung für den herausragenden Status, den es sich in etwas mehr als einem Jahr innerhalb der globalen Startup- und Social-Web-Szene erarbeitet hat.

trendpedia
Erwähnung von Twitter, Facebook und MySpace in Blogs, laut Trendpedia

Die Allgegenwärtigkeit von Twitter sowie die Tatsache, dass es nahezu unmöglich geworden ist, sich aktiv mit dem Web 2.0 zu beschäftigen, ohne permanent mit Berichten über dieses und jenes neue Twitter-Tool konfrontiert zu werden, gibt allerdings nicht nur Anlass zur Freude. Beim Lesen dieses ReadWriteWeb-Beitrages, in dem der New Yorker Autor Bernard Lunn über die kommenden Chancen und Risiken für das Web 2.0 in einer Phase der Rezession sinniert, kam mir folgender Gedanke: Sollte der in den USA bereits deutlich erkennbare Wirtschaftsabschwung zu einer umfassenden Konsolidierung bzw. Schließungswelle im Bereich der Web- und Tech-Startups führen und das Internetgeschäft nach dem Ende des Dotcom-Booms zum zweiten Mal kräftig einbrechen, dann hätte Twitter gute Karten, als DAS Synonym für die Zeit vor der Marktbereinigung in die Geschichtsbücher einzugehen: Als exemplarisches Beispiel für eine Phase, in der zwar genug User vorhanden waren, es aber dennoch an tragfähigen Geschäftsmodellen mangelte. Nennen wir es die Twitter-Ökonomie.

Twitter Japan
Japanische Version von Twitter: mit
Werbung (Quelle CNET News.com)

Wie kaum ein anderer Service verkörpert Twitter das web-2.0-typische Konzept, zuerst eine Nutzerbasis aufzubauen und danach über die Monetarisierung nachzudenken. Seit einigen Tagen existiert eine japanische Version des Dienstes, die über Anzeigen finanziert werden soll. Mit dieser Vermarktung wird Twitter erstmalig Umsatz generieren. Da es bis zum Erreichen schwarzer Zahlen aber noch ein langer, steiniger Weg ist, schaut man sich in San Francisco gerade erneut nach Fremdkapital um: Angeblich 15 bis 20 Millionen Dollar sollen in einer dritten Finanzierungsrunde durch Investoren in die Kassen gespült werden.

Nun ist Twitter aber nicht nur ein Service OHNE Geschäftsmodell, sondern auch einer MIT einer Entwicklerschnittstelle (API), an die sich externe Programmierer und Startups kostenlos hängen können, um eigene Applikationen rund um Twitter zu basteln. Viele der kleinen und teilweise in wenigen Nächten kreierten Tools sind Hobbyprojekte. Doch auch das ein oder andere Vollzeitvorhaben ist dabei. Wer richtig gut ist und/oder Glück hat, wird wie Twhirl sogar aufgekauft. Was die meisten Drittanwendungen für Twitter gemeinsam haben: Auch sie verfügen über kein Geschäftsmodell. Es wird Ausnahmen geben – Anbieter, die mit AdSense-Anzeigen oder Werbebannern etwas Taschengeld verdienen – eine geniale Geschäftsidee wurde meines Wissens nach aber noch nicht gesichtet.

Startup kauft Twitter-Applikation: Twhirl von Seesmic übernommen.

Da es jedoch so viele verschiedene, zweifellose interessante und spannenden Anwendungen rund um Twitter gibt, investieren Freunde des Social Webs einen immer größeren Anteil ihrer Aufmerksamkeit und Zeit in den Dienst: Indem sie ihn regelmäßig verwenden, darüber bloggen oder selbst eine Twitter-Applikation entwickeln. Die meisten User mit Zwitscher-Leidenschaft gestehen, dass Twitter ein nicht gerade geringes Suchtpotenzial hat und leicht von anderer Arbeit ablenkt. Während manch ein Blogger und Journalist darauf hinweist, dass er sich mit Hilfe von Twitter näher an der Leserschaft befindet und den Service zum Aufspüren potenziell interessanter Stories nutzt, steht eine Untersuchung darüber, wie viele weniger gut organisierte/strukturierte Nutzer durch den niemals enden wollenden Strom an Kurzmitteilungen Effizienz und Konzentration einbüßen, noch aus.

Um diese Darlegung mit einem vierten, etwas weniger ins Gewicht fallenden Punkt abzurunden, bietet sich ein erneuter Blick auf den typischen Twitter-User an, oder besser gesagt in dessen Portemonnaie: Viele der hartgesottenen Twitter-Fans sind Gründer von oder Angestellte bei einem Web-Startup, als freie Entwickler tätig, Teilzeit- oder Vollzeitblogger, Social-Media-Berater, PR-Experten, Marketer oder Web-Journalisten. Ohne eine genaue Schätzung abgeben zu wollen, lässt sich mit Sicherheit sagen, dass ein gewisser Teil der Twitterer seine Vergütung aus Geldern erhält, die ursprünglich in Form von Venture-Kapital investiert wurden, also vom jeweiligen Unternehmen erst noch verdient werden müssen.

Lasst mich dieses absichtlich überspitzt beschriebene Szenario zusammenfassen: Twitter hat kein Geschäftsmodell und lebt von Fremdkapital. Es zieht Entwickler in Scharen an, die Zeit sowie Ressourcen in den Dienst investieren, damit aber ebenfalls nichts wirtschaftlich Nachhaltiges realisieren. Ein Einzelereignis war der Verkauf von Twhirl an Seesmic, welches selbst noch an den Anfängen steht, keine Umsätze vorweisen kann und sich in der geschlossenen Alpha-Phase befindet! Gleichzeitig investieren User immer mehr Aufmerksamkeit in Twitter, die an anderer Stelle fehlt. Betroffen von der Twitter-Manie sind hauptsächlich Branchen, in denen viel Risikokapital zirkuliert und zahlreiche Geschäftsmodelle erst noch beweisen müssen, dass sie ihr Engagement wert sind.

All das schmälert nicht den Erfolg und die Bedeutung von Twitter für das Web 2.0. Gerade wer wie ich Innovation begrüßt, bekommt durch die von Twitter & Anhang geförderten, neuartigen Modelle zur Kommunikation und Kollaboration viel davon zu Gesicht. Doch die Tatsache, dass Twitter für Millionen Internetnutzer ein völlig unbekannter Begriff ist (und vielleicht immer bleiben wird), darf bei all der Euphorie nicht vergessen werden; genauso wenig wie der Fakt, dass kein Mensch allein von Kurznachrichten leben kann. Solange die Konjunktur mitspielt, sollte das kein Problem darstellen. Im Falle eines ernsthaften Einbruches aber könnte Twitter für das Web 2.0 zu dem werden, was Webvan bis heute für die Dotcom-Ära ist: Das Sinnbild einer Über- und Fehleinschätzung des realistisch und langfristig Machbaren und Nachhaltigen.

zweinull.cc Lesetipps:
Microsoft’s Mesh: das Web als zentraler Platz für das digitale Leben
Das Problem mit der Gratiskultur im Web
Sind Micropayments der Segen für das Web 2.0?

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10 Kommentare

  • #1

    Martin (Mittwoch, 30 April 2008 09:51)

    Ja da hast du Recht. Aber das ist nicht unser Problem ;)

  • #2

    Daniel Thomaser (Dienstag, 29 April 2008 17:26)

    @Martin (ohne Weigert)
    Die Seiten die einfach nur Spaß machen und gar kein Geld verdienen, bekommen aber in der Regel nicht eine Evaluaring von 60-150 Million Dollar ;o)

  • #3

    Martin (Dienstag, 29 April 2008 16:57)

    Es gibt auch Projekte die einfach aus Spaß gemacht werden. Ich glaube nicht das Google zuerst gedacht hat wie verdiene ich damit Geld. Das Internet wäre realtiv leer wenn nur profitable Seiten online wären ;)

  • #4

    Martin Weigert (Dienstag, 29 April 2008 16:54)

    lol :)

  • #5

    Martin Weigert (Dienstag, 29 April 2008 16:53)

    Nein, nicht alles. Aber irgendwas schon, oder?

  • #6

    Daniel Thomaser (Dienstag, 29 April 2008 16:53)

    “Muss unbedingt alles Gewinn erwirtschaften?”

    Der 1.Mai ist doch erst übermorgen!

  • #7

    Martin (Dienstag, 29 April 2008 16:50)

    Muss unbedingt alles Gewinn erwirtschaften?

  • #8

    Hoba (Dienstag, 29 April 2008 15:20)

    Das stimmt.

    In der Spieleindustrie hat mal einer sinngemäß gesagt:

    “Wir bauen keine Spiele für die Fans, sondern für die Käufer”. Denn die Hardcore-Fans machen einfach einen zu kleinen Anteil am Umsatz aus.

  • #9

    zuckermann (Dienstag, 29 April 2008 13:05)

    @martin, danke für die blumen;-) aber ich meinte ja nicht, dass leute verhungern, weil sie soviel twittern (obwohl, schöner gedanke: was spielen essen und sex noch für eine rolle, wenn ich mein cerebrales belohnungszentrum dauernd anders antriggere, besser gesagt antwittere?) sondern nur, dass trotz mieser ökonomischer gesamtstimmung es noch nicht so weit wie in der “new economy” ist, also so ein dienst wegen “burn capital, burn” unsinn gleicht eingehen (verhungern) muss. ich glaube, heutige investoren sind da wesentlich realistischer oder machen das eben so wie google, weil das geld da ist, und die absetzmöglichkeiten beim FA auch.

  • #10

    Martin Weigert (Dienstag, 29 April 2008 11:43)

    @ Daniel
    Jo klar gibt es diese Unterschiede zur Dotcom-Zeit. Ich habe die beiden Äras ja (hoffentlich) nicht verglichen.

    @ Sebastian
    Bei all den vielen euphorischen Beiträgen, die ich hier so zu neuen Webdiensten liefere, habe ich mir gedacht, kann ich mir auch einmal einen eher pessimistischen Beitrag erlauben. Wobei ich persönlich der Ansicht bin, dass er ja nicht den Weltuntergang herbeiruft sondern nur schildert, was passieren könnte, sollte es für die Wirtschaft (und damit auch für das Web-Biz) turbulent werden.

    @ Casi
    Gerade Facebook, das ja von Twitter- und FriendFeed-Anhängern gerne wegen seiner fehlenden Offenheit kritisiert wird, hat dieses Problem aber weniger, da man durch den “Walled Garden” die Leute größtenteils auf der eigenen Plattform hält.

    @ Andy
    Danke, sehr schöner Satz von deiner Seite “Meiner Meinung nach ist die Szene zu sehr in sich selbst gekehrt, sodass Applikationen nur noch für die Poweruser programmiert werden.” Habe ich in meinem Artikel nicht so in Worte fassen können, aber das triff es sehr gut.

    @ zuckermann
    Schöne differenzierte Herangehensweise. Verhungern muss wegen Twitter bisher niemand, und eventuell hat es tatsächlich Potenzial, die SMS zu ersetzen. Ausgeschlossen ist das nicht.

    @ Marcel
    Obwohl du zwinkerst, will ich ernsthaft antworten: Natürlich sind Investitionsphasen für viele Unternehmen sinnvoll und notwendig. Wenn da aber so viele Anbieter und Individuen involviert sind wie oben beschrieben und sich die Szene immer stärker mit sich selbst und ihren eigenen Bedürfnissen (”Wir brauchen endlich ein Techmeme für Twitter”) beschäftigt, finanziert von anderen, dann sehe ich das kritisch. Und zweinull.cc ist ja als Hobby rein querfinanziert ;)

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